EX–EMBASSY
AUSTELLUNG UND TEXTSERIE

in der ehemaligen Australischen
Botschaft der DDR

4.–31. August 2018
Do–Sa, 12–18 Uhr
* Ausstellung verlängert bis 1. September

Vernissage, Performances und Artists Talk
August 4, 15-19 Uhr

Grabbeallee 34–40, 13156 Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einleitung

Im August 2018 entpackt die Ausstellung und Textserie EX-EMBASSY ein dauerhaftes Archiv kultureller und diplomatischer Hinterlassenschaften, die sich aus, entlang und über die „produktiven Beziehungen“ zwischen der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und dem „fünften Kontinent“ hinweg ergeben. Entsprechend der Definition der Geografin Doreen Massey von Raum als „Gleichzeitigkeit bisheriger Geschichten“ adressiert EX-EMBASSY die ehemalige australische Botschaft in der DDR als einen Ort, der von Prozessen geprägt ist, die weit über den physischen Zusammenhang hinausgehend vergegenwärtigt: ein Rahmen für die Untersuchung mehrerer Entwicklungen, die sowohl den Kalten Krieg als auch entstehende neoliberale ideologische Spannungen durchlaufen. Die in Auftrag gegebenen Kunstwerke und Texte befassen sich mit der Verhandlung und Infragestellung von nicht zu vereinbarenden Ordnungssystemen von Land und Eigentum, Territorium und Diplomatie, wobei die Rolle der Ästhetik bei einer Neuausrichtung der politischen Vorstellungskraft herausgearbeitet wird.

In Auftrag gegebene Kunstwerke und Texte sondieren und hinterfragen ein offenes Forschungsarchiv, das von der Initiatorin und Veranstalterin des Projekts, Sonja Hornung (AU/DE), vorläufig zusammengestellt und gemeinsam genutzt wird. Künstler*innen: Megan Cope (Quandamooka), Archie Moore (Kamilaroi), Sumugan Sivanesan (AU/DE) & Carl Gerber (DE), Sonya Schönberger (DE) und Khadija von Zinnenburg Carroll (AU/AT). Autor*innen: Ben Gook (AU/DE), Sarah Keenan (AU/UK), Peter Monteath (AU), Rachel O’Reilly (AU/DE) und Nathan Sentance (Wiradjuri). Kuratorische Beraterin: Rachel O’Reilly (AU/DE).

Die von der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) errichtete Botschaft für Australien wurde von einer Gruppe unter der Leitung des Architekten des Ostberliner Café Moskau, Horst Bauer, entworfen. Als materieller und symbolischer Ort repräsentiert der Bau der Botschaft im Nordosten Berlins einen besonderen Moment der geopolitischen und ästhetischen Neuordnung. 1972 war in Australien im Zuge fortschrittlicher und radikaler sozialer Bewegungen, einschließlich des von den Aborigines geführten Kampfes für Landrechte, der Premierminister der ‚Labor Party‘, Gough Whitlam an die Macht gekommen. Australien war einer der ersten westlichen Staaten, der das kommunistische China anerkannte und aber gleichzeitig die Militärhilfe für Suhartos antikommunistische Diktatur in Indonesien vervierfachte. Unmittelbar nach dem Grundlagenvertrag von 1972, der die Anerkennung zwischen Ost- und Westdeutschland erleichterte, gehörten die diplomatischen Beziehungen zwischen der sozialistischen DDR und der Siedlerkolonie Australien zu den ersten, die von der DDR mit einem westlichen kapitalistischen Staat ausgehandelt wurden.

Um die große Anzahl neuer diplomatischer Vertretungen, die in den 1970er Jahren für die DDR eröffnet wurden, unterzubringen, wurden eine kleine Anzahl von vorgefertigten, standardmäßigen Modellen sozialistisch-modernistischen Designs den rund 140 neuen Botschaften zugewiesen. Australien erhielt das größte Modell Ostberlins, den IHB-III (Ingenieur-Hochbau-III). Sein architektonischer „Zwilling“, die irakische Botschaft, befindet sich in unmittelbarer Nähe und ist seit 1990 verlassen. Die langen, tief angelegten dreigeschossigen Gebäude sind beide aus Betonplatten mit individuellen keramischen Ziegelfarbtönen und Mosaikelementen von Hedwig Bollhagen, einem großzügigen Garten und, speziell im Falle Australiens, einem Tennisplatz gebaut. Wie anderen kapitalistische Nationalstaaten wurde Australien ein 99-jähriger Mietvertrag gewährt und für die Nutzung von der DDR berechnet.

Vor der Anerkennung hatte Australien bereits 1951 über die australische Militärmission in der Nähe des Olympiastadions von 1936 in West-Berlin Kontakt mit Vertretern der DDR gesucht, während die DDR in Sydney eine kleine, private Ladenfront besetzte, die ironischerweise als „KfA Pty Ltd“ (Kammer für Auslandshandel Pty Ltd) bezeichnet wurde. Zu den Handelszielen Australiens gehörte es, vom Export von Kohle, Wolle und Weizen zu profitieren. Die Länder hatten ein gemeinsames Interesse daran, das Wissen über die Gewinnung von Braunkohle zu vergleichen. Die DDR strebte den Export von Massengütern wie Linsen und Glaswaren der renommierten Firma Carl Zeiss an .

Neben dem Handelspragmatismus lassen sich auch andere Wünsche und Gegenprojekte durch den gebauten Rahmen der Botschaft verfolgen, die den Fokus auf komplexere materielle Aspekte der diplomatischen Organisation legen. Faith Bandler und Ray Peckham reisten 1951 unter Überwachung des kurz zuvor gegründeten Australischen Geheimdienstes (Australian Security Intelligence Organisation/ASIO) in die DDR, traten im Rahmen der Weltjugendfestspiele für Frieden (World Youth Festival for Peace) auf und hielten eine Rede vor Fabrikarbeitern über die Gleichberechtigung der Aborigines und Bürgerrechte . Der britische Anthropologe, Landrechtsvertreter und Mitglied der Kommunistischen Partei Fred Rose berichtete über Botschaftsveranstaltungen für die Stasi , während Mitglieder der Aborigine-Rockband ‚No Fixed Address‘ von den Ostberlinern mehrfach überschwänglich als Beweis für die Grausamkeiten des kolonialen Kapitalismus empfangen wurden . In der Zwischenzeit wurden die propagierten Verbindungen zwischen den Widerstandsbewegungen der Aborigines und den wahrgenommenen „kommunistischen Bedrohungen“ von den nachfolgenden australischen Regierungen instrumentalisiert, um Projekte für materielle Gerechtigkeit zu verunglimpfen.

Schließlich trug der Handel Australiens mit der DDR wenig Früchte. Infolgedessen beendete die australische Botschaft ihren Mietvertrag auf dem öffentlichen Gelände lange vor dem Fall der Mauer im Jahr 1986 vorzeitig. Der Monolith des zurückgelassenen Gebäudes zeugt von der tatsächlichen Verwundbarkeit von Infrastrukturen, die scheinbar stabile Staaten, Regierungsideale und private Interessen repräsentieren. Das im Nachlass der Treuhandabwicklung , die den Verkauf der ostdeutschen Staatsbestände zu unverschämt niedrigen Preisen überwachte, auf den Markt gebrachte Gebäude, wechselte in der Folge mehrmals den Besitzer und entging 2014 knapp dem Abriss. Auch wenn es heute unter Denkmalschutz steht, befindet es sich in einem verunkrauteten Zustand der Baufälligkeit; eine schon länger verschobene Sanierung zu einem luxuriösen Apartmentkomplex bleibt nicht genehmigt. Künstlerateliers besetzen derzeit die nicht-mehr-staatliche Infrastruktur am schwankenden Rande der Immobilienblüte Berlins.

EX-EMBASSY wird im Rahmen des Berliner Project Space Festivals 2018 von dem Projektraum x-embassy als Teil von Atelierhaus Australische Botschaft Ost veranstaltet. Dieses Projekt wurde von der australischen Regierung durch das Förder- und Beratungsgremium des Australia Council for the Arts und von der Rosa Luxemburg Stiftung durch den Verein Helle Panke e.V. unterstützt. Medienpartner: Berlin Art Link.

The governing political party of the GDR (German Democratic Republic).
Led by architect Horst Bauer, who also designed Berlin’s iconic Café Moskau.
Tobias Doll, Elisabeth Eulitz, Karla Schäffner. Berlin- Pankow: Sozialistische Botschaftsbauten Städtebauliche Dokumentation – Freiraumplanung – Typenbauten. Masterarbeit im Masterstudium Denkmalpflege der TU Berlin, Wintersemester 2012-13.
One key architect involved in the urban planning of Marzahn, Wolf-Rüdiger Eisentraut, was in 1996 to renovate the embassy itself when it was transformed, briefly, into a medical laboratory.
A 1970 ‚Neues Deutschland‘ article compared Australia to ’neo-colonialist‘ South Africa, citing its ambitions towards regional dominance, its racist ‚White Australia‘ policy and ‚arch-reactionary‘ denigration of Aboriginal people. See: Walter Kocher, ‚Der folgsame Vetter des Uncle Sam‘, Neues Deutschland, 12.7.1970, 6.
The site was rented from the GDR by Australia, however operations were prematurely closed down in 1986. Held by the public hand for a time, the site subsequently hosted a kindergarten, the Deutsche Industrie- und Handelsbank AG, and the medical laboratory bioscientia Institut f. Laboruntersuchungen Ingelheim GmbH, before being privatised by the BImA) (Institute for Federal Real Estate) to investor Lars Dittrich, hosting the media start-up tape.tv, being resold to real estate developer Prexxot GmbH and now: hosting the artist studio complex Atelierhaus Australische Botschaft Ost, who are currently attempting to extract the building from the speculative real estate bubble, looking towards collective ownership formats.
Doreen Massey, For Space, (SAGE Publications, 2005) 70-71.
Monteath, Peter (2008) ‘The German Democratic Republic and Australia’ in Debatte: Journal of Contemporary Central and Eastern Europe, 16:2, 213-235, siehe auch: Schedvin, Boris (2008) Emissaries of Trade: A history of the Australian trade commissioner service, Canberra: WHH Publishing, 279-280.
Daley, Paul (2018), ‘Revealed: how Australian spies filmed Indigenous activists during the cold war’ in The Guardian, 13/02/2018. Artikel online aufrufbar hier.
Monteath Peter & Munt, Valerie (2015), Red Professor: The Cold War Life of Fred Rose, South Australia: Wakefield Press, 275.
Hurley, Andrew Wright (2015), ‘No Fixed Address, but currently in East Berlin: The Australian bicentennial, Indigenous protest and the Festival of Political Song 1988’ in Perfect Beat, 15:2, 129-148.
Krätzer, Tobias (1998), Botschaften und Konsulaten in Berlin: Eine stadtpolitische Analyse, Berlin Verlag, 132.
Frederic Jameson, ‚The Aesthetics of Singularity,‘ New Left Review, no. 92 (2015): 130.
This definition of neoliberalism draws on William Davies, The Limits of Neoliberalism: Authority, Sovereignty and the Logic of Competition (London: Sage, 2014). I have written about this at more length and with full references elsewhere: Ben Gook, ‚Backdating German Neoliberalism: Ordoliberalism, the German Model and Economic Experiments in Eastern Germany after 1989,‘ Journal of Sociology 54, no. 1 (2018).
Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, Deutsche Zweiheit—Oder: Wie viel Unterschied verträgt die Einheit? Bilanz der Vereinigungspolitik (St Katharinen: PapyRossa, 2010).
www.bild.de/politik/wirtschaft/griechenland-krise/regierung-athen-sparen-verkauft-inseln-pleite-akropolis-11692338.bild.html
Gil Eyal, Iván Szelényi, and Eleanor R. Townsley, Making Capitalism without Capitalists: Class Formation and Elite Struggles in Post-Communist Central Europe (London: Verso, 1998).
Gareth Dale, The East German Revolution of 1989 (Manchester: Manchester University Press, 2006); First the Transition, Then the Crash: Eastern Europe in the 2000s (London: Pluto Press, 2011).
Der Paritätische Gesamtverband, Menschenwürde ist Menschenrecht: Bericht Zum Armutsentwicklung in Deutschland 2017 (Berlin: Der Paritätische Gesamtverband, 2017).
Brigitte Young, Triumph of the Fatherland: German Unification and the Marginalization of Women (Ann Arbor: The University of Michigan Press, 1999).
Jonathan Olsen, ‚The Left Party and the AfD: Populist Competitors in Eastern Germany,‘ German Politics and Society 36, no. 1 (2018).
On disenchantment, see Davies. On German’s ongoing division, see Ben Gook, Divided Subjects, Invisible Borders: Re-Unified Germany after 1989 (London: Rowman & Littlefield International, 2015). On divided Germany’s reckoning with Nazism and the GDR’s founding fantasies, see Julia Hell, Post-Fascist Fantasies: Psychoanalysis, History, and the Literature of East Germany (Durham: Duke University Press, 1997).
Morris Cohen and C.B. Macpherson, ‚Property and Sovereignty‘, Property: Mainstream and Critical Perspectives (University of Toronto Press, 1978).
Kevin Gray, ‚Property in Thin Air‘, Cambridge Law Journal, 50 (1991), 252–307.
Kevin Gray, The Legal Order of the Queue, 2007.
James E. Penner, The Idea of Property in Law (Clarendon Press, 1997); Cohen and C.B. Macpherson.
Nicholas Blomley, ‚Law, Property, and the Geography of Violence: The Frontier, the Survey and the Grid‘, Annals of the Association of American Geographers, 93 (2003), 121–141.
Cohen and C.B. Macpherson.
Cheryl Harris, ‚Whiteness as Property‘, Harvard Law Review, 106(8) (1993), 1721.
Aileen Moreton-Robinson, The White Possessive: Property, Power and Indigenous Sovereignty (University of Minnesota Press, 2015).
Ibid, Harris.
Davina Cooper, Governing Out of Order: Space, Law and the Politics of Belonging (Rivers Oram Press, 1998).
Emily Grabham, ‚“Flagging“ the Skin: Corporeal Nationalism and the Properties of Belonging‘, Body & Society, 15 (2009), 63–82.
Ibid, Cooper 629.
Ibid, Cooper 636.
Aileen Moreton-Robinson, ‘Imagining the Good Indige-nous Citizen’, Cultural Studies Review, 15(2), (2009), 61-80.
Here, there is a need to need to point towards – while refusing to appropriate – narratives of Aboriginal resistance to the settler state. A few key dates: In 1972, Aboriginal activists established the Aboriginal Tent Embassy on the lawns of Parliament House, the seat of government in Canberra, which carved out a physical, social and political space of belonging in the Australian capital until today, subverting the version of Australia that parliamentarians wish to portray to diplomatic visitors, and in constant struggle with the colonial state. In 1973 the White Australia policy, which had effectively barred non-European immigrants from moving to Australia, was disbanded with a series of legal amendments prohibiting racial discrimination from being formally included in immigration law. In 1976, following a ten-year strike by the Gurindji people, led by Vincent Lingiari, the Aboriginal Land Rights Act (Northern Territory) became the first ever Australian law to ‚grant‘ land rights to Aboriginal people. The lie of terra nullius remained part of Australian common law until it was overturned in Mabo v The State of Queensland in 1992; a later Labor government reneged on the promise of federal land rights, creating a post-Mabo legislative framework for ’native title,‘ as a weaker and more limited set of rights. See Andrew Schaap, Gary Foley and Edwina Howell, The Aboriginal Tent Embassy: Sovereignty, Black Power, Land Rights and the State (Routledge 2013).
Doreen Massey, ‘Power-geometry and a Progressive Sense of Place’, in Tim Putnam, Lisa Tickner, Jon Bird Barry Curtis (Eds.), Mapping the Futures: Local Cultures, Global Change (Routledge, 1993).
Sarah Keenan, Subversive Property: Law and the Production of Spaces of Belonging (Routledge, 2015).
Glen Coulthard, Red Skin White Masks: Rejecting the Colonial Politics of Recognition (University of Minessota Press, 2014).
Ibid, Coulthard.
Matthis Berndt, Britta Grell, Andreas Holm et al, The Berlin Reader, (transcript, 2013), 14-15.
Dallas Rogers, The geopolitics of real estate : reconfiguring property, capital and rights (Rowman and Littlefield, 2016).
Sabrina Apicella et al, „In the eye of the storm. Urban Transformations in Berlin: Realities of Crisis and Perspectives for Social Struggles“, in Teaching the Crisis (Group research project, Summer school program, 2013). See also http://teachingthecrisis.net/in-the-eye-of-the-storm-urban-transformations-in-berlin-realities-of-crisis-and-perspectives-for-social-struggles/
‚German Democratic Republic‘, NAA: A1838/272 30/1/3 Part 3, German Democratic Republic – Relations with Australia, 318.
‚German Democratic Republic‘, NAA: A1838/272 30/1/3 Part 3, German Democratic Republic – Relations with Australia, 316.
Monteath and Munt, Red Professor, 275.